Orange Wine: Was steckt hinter dem bernsteinfarbenen Wein?
- Mike

- vor 1 Tag
- 5 Min. Lesezeit
Orange Wine ist ein Weißwein, der wie ein Rotwein hergestellt wird. Dabei bleiben die Schalen der weißen Trauben nach dem Keltern mehrere Tage, Wochen oder Monate mit dem Saft in Kontakt. Ein Verfahren, das man Maischegärung nennt. Dadurch nimmt der Wein Gerbstoffe, Farbstoffe und Aromen aus den Schalen auf und entwickelt seine charakteristische bernstein- bis orangefarbene Farbe. Geschmacklich liegt er zwischen einem kräftigen Weißwein und einem leichten Rotwein. Die Methode selbst ist keine Erfindung der Gegenwart: Archäologische Funde belegen, dass in Georgien schon vor rund 8000 Jahren so Wein gemacht wurde.
Was ist Orange Wine ?
Der Name sagt, was man sieht. Orange Wine ist ein Weißwein, dessen Schalen während der Gärung im Saft verbleiben. Dieses Verfahren heißt Maischegärung und ist bei Rotwein Standard. Bei weißen Trauben ist es die Ausnahme. Das Ergebnis: ein Wein, der die Frische eines Weißweins mit der Struktur eines Rotweins verbindet.
Orange Wine irritiert. Orange Wine weckt Neugierde. Orange Wine überrascht.
Woher kommt Orange Wine?
Woher kommt Orange Wine?
Die Methode ist uralt. Georgien gilt als die Geburtsstätte des Weins. Dort werden Trauben in großen Tongefäßen vergoren. Georgisch heißen sie Qvevri. Archäologische Funde belegen, dass diese Technik vor rund 8000 Jahren angewandt wurde.
2013 erklärte die UNESCO den Weinausbau im Qvevri zum immateriellen Weltkulturerbe. Das ist kein kleines Detail. Das bedeutet: Diese Art Wein zu machen hat die gleiche kulturelle Bedeutung wie traditionelle Tänze oder Sprachen. Geschützt, anerkannt, bewahrt.
In Georgien heißt Orange Wine übrigens Amber Wine. Bernsteinwein. Was den Charakter eigentlich besser trifft.
Die Rückkehr in die moderne Weinwelt begann im Nordosten Italiens. Inspiriert von georgischen Methoden und dem Naturweingedanken, begannen zwei Winzer aus der Region Friaul, Stanko Radikon und Joško Gravner, Weißweine mit verlängertem Schalenkontakt zu produzieren.
Für Radikon begann es 1995, als er Ribolla Gialla zum ersten Mal über eine Woche lang auf den Schalen ließ. Er wollte herausfinden, warum seine Trauben so wenig Charakter ins Glas brachten. Das Ergebnis überraschte ihn selbst.
Die erste Reaktion war scharf. Das italienische Weinestablishment verstand den Schritt nicht. Heute zählen Radikon und Gravner zu den wichtigsten Referenzen der internationalen Naturweinszene.
Der Begriff "Orange Wine" entstand in den frühen 2000ern, als Journalisten einen Namen für die bernstein- bis orangefarbenen Weine aus Friaul und Slowenien brauchten.
Wie wird Orange Wine gemacht?
Der Unterschied zu gewöhnlichem Weißwein ist ein einziger Schritt. Der aber verändert alles.
Bei der klassischen Weißweinherstellung werden die Trauben gepresst und der Saft sofort von den Schalen getrennt. Beim Orange Wine bleiben die zerquetschten Trauben mit Schale und Kernen, manchmal auch den Stielen, über Tage, Wochen oder Monate im Kontakt mit dem Saft. Dieses Verfahren verleiht dem Wein seine bernsteinfarbene Farbe, seine Gerbstoffe und eine Reihe typischer Charakteristika, die man eher von Rotweinen kennt.
Neben der Maischegärung spielt auch der Ausbau eine Rolle. Weine aus alten, luftdurchlässigen Holzfässern oder Tonamphoren entwickeln durch oxidativen Ausbau eine intensive gelb-orange Färbung.
Die Maischestandzeit variiert stark. Manche Winzer lassen den Wein 24 Stunden auf den Schalen. Andere Monate. Der Unterschied im Ergebnis ist enorm. Kurze Mazerationen liefern frische, fruchtbetonte Stile. Lange Kontaktzeiten bringen Tannin, Tiefe und eine ganz eigene Würze.
Je nach Herstellungsmethode sind Orangeweine trüb. Ähnlich wie Rotweine besitzen sie ein auffälliges, eigenes Geschmacksbild und eine starke, komplexe Textur.
Wie schmeckt Orange Wine?
Schwer zu beschreiben. Das ist kein Ausweichen, das ist die Wahrheit.
Typisch sind Aromen getrockneter Früchte wie Aprikosen, Pfirsiche, Rosinen und Sherry-ähnliche Noten. Geschmacklich liegt Orange Wine zwischen leichten Rotweinen und kräftigen Roséweinen.
Wer nicht weiß, was im Glas ist, kann sich gut irren. Das Verwechslungsrisiko ist enorm.
Dazu kommt die Textur. Orange Wine hat Struktur. Einen leichten Biss. Etwas, das man kauen könnte, wenn man das bei Wein so sagen darf. Das liegt an den Gerbstoffen aus den Traubenschalen. Bei Weißwein ist das ungewohnt. Bei Orange Wine ist es das Markenzeichen.
Die Aromen sind intensiver und ausdrucksstärker als bei demselben Wein, der als klassischer Weißwein gemacht würde. Es ist ähnlich wie der Unterschied zwischen Roséwein und Rotwein in Sachen Intensität.
Wozu trinkt man Orange Wine?
Das ist der Punkt, an dem Orange Wine seine Stärke zeigt.
Maischevergorene Weißweine haben Struktur, Würze und manchmal eine leichte Bitterkeit. Sie passen zu asiatischen Gerichten, Currys, mariniertem Gemüse, Pilzen und gereiftem Käse.
Das ist ungewöhnlich für einen Weißwein. Klassische Weißweine haben es schwer mit würzigem Essen. Orange Wine nicht. Die Gerbstoffstruktur trägt solche Gerichte. Daher ist Orange Wine in der Gastronomie so beliebt: Er schließt eine Lücke, die andere Weine offen lassen.
Ob zu mediterranen Tapas, würzigen Antipasti, Käse, Sushi oder vegetarischen Currys. Orange Wine passt zu vielen Gerichten, die klassischen Weißweinen Probleme bereiten.
Iberische Küche trifft Orange Wine überraschend gut. Gegrillte Sardinen, Piri-Piri-Hühnchen, Escabeche, Gazpacho. Würzige, säurebetonte, kräftige Gerichte. Das ist das Terrain, auf dem Orange Wine zu Hause ist.
Die ideale Trinktemperatur liegt zwischen 10 und 14 Grad Celsius. Manchmal lohnt ein kurzes Dekantieren. Das öffnet ihn.
Ist das alles ein Trend?
Die ehrliche Antwort: Die Methode ist 8000 Jahre alt. Der Begriff recht jung. Der Hype noch um einiges jünger.
Orange Wine etabliert sich dauerhaft. Für seine Bedeutung sprechen eine jahrtausendealte Tradition, die vielfältigen Herstellungsvarianten und die wachsende Zahl von Winzern, die mit Maischegärung experimentieren.
Im August 2024 brachte der Discounter Aldi erstmals einen Orange-Naturwein in seine Filialen in Großbritannien, wo Orangewein und Naturwein bis dahin nur im spezialisierten Weinhandel erhältlich waren. Das ist kein Hype-Signal. Das ist Mainstreaming.
Wer heute Orange Wine kauft, kauft etwas, das gerade von Nische zu Normal wandert. Marketing hat damit wenig zu tun. Der Wein füllt eine Lücke.
Was bedeutet das für Bio-Wein?
Orange Wine und biologischer Weinbau passen gut zusammen. Maischevergorene Weißweine sind meist naturbelassen. Viele sind auch Bioweine. Einige werden kaum oder gar nicht geschwefelt. Andere reifen in Amphoren, werden unfiltriert abgefüllt und weisen daher eine charakteristische Trübung auf.
Das Prinzip des minimalen Eingriffs verbindet beide. Wer Orange Wine macht, denkt anders über Weinbereitung nach. Wer Bio-Wein macht, auch. Das ist kein Zufall.
Orange Wine passt gut zu allen, die etwas Neues suchen. Eine Synthese aus Tradition und Handwerk, die den Gaumen fordert.
Auf der iberischen Halbinsel ist Orange Wine noch ein überschaubares Segment. Portugal und Spanien haben autochthone Rebsorten, die sich für Maischegärung anbieten. Arinto, Verdelho, Vermentino, Zalema. Frische, strukturstarke Sorten, die mit Schalenkontakt eine ganz andere Dimension bekommen.
Zusammenfassung
Orange Wine ist ein Weißwein, der durch Maischegärung, also verlängerten Schalenkontakt bei der Fermentation, seine bernstein- bis orangefarbene Farbe, seine Gerbstoffstruktur und sein komplexes Aromaprofil erhält. Die Methode stammt aus Georgien und ist dort seit rund 8000 Jahren bekannt. In der modernen Weinwelt wurde sie in den 1990er-Jahren durch die Friulaner Winzer Stanko Radikon und Joško Gravner neu etabliert. Geschmacklich liegt Orange Wine zwischen Weißwein und Rotwein und passt besonders gut zu würzigen, kräftigen Speisen, für die klassische Weißweine oft zu wenig Substanz haben.
Häufige Fragen zu Orange Wine
Was ist Orange Wine und warum ist er orange? Orange Wine ist ein Weißwein, der nach dem Prinzip der Rotweinbereitung hergestellt wird. Die weißen Trauben bleiben nach dem Keltern mit ihren Schalen in Kontakt, oft mehrere Wochen oder Monate. Aus den Schalen lösen sich Farbstoffe, Gerbstoffe und Aromen. Das ergibt die bernstein- bis orangefarbene Farbe und die untypische Struktur.
Schmeckt Orange Wine nach Orangen? Nein. Der Name bezieht sich auf die Farbe, nicht auf den Geschmack. Typische Aromen sind getrocknete Aprikose, Pfirsich, Walnuss, manchmal Sherry-ähnliche Noten. Die Textur ist oft rauer und würziger als bei klassischen Weißweinen.
Wozu passt Orange Wine am besten? Orange Wine ist ein Allrounder für kräftige Speisen. Würzige asiatische Gerichte, Currys, gereifter Käse, Pilze, Charcuterie, iberische Tapas. Gerichte, für die normaler Weißwein zu wenig Rückhalt hat und Rotwein zu viel wäre.
Was ist der Unterschied zwischen Orange Wine und Naturwein? Nicht jeder Orange Wine ist ein Naturwein, und nicht jeder Naturwein ist ein Orange Wine. Die Maischegärung ist eine Herstellungsmethode. Naturwein beschreibt einen Produktionsansatz mit minimalem Eingriff. Viele Orange Wines werden nach Naturwein-Prinzipien gemacht. Das ist aber keine Voraussetzung.
Bei welcher Temperatur trinkt man Orange Wine? Zwischen 10 und 14 Grad Celsius. Etwas wärmer als klassischer Weißwein. Kurzes Dekantieren kann helfen, den Wein zu öffnen und seine Aromen zu entfalten.
Dieser Artikel ist Teil unser Wissens-serie bei Biowein Iberia. Hier widmen wir uns speziellen Themen rund um Weinwissen und Herstellung.



Kommentare