Orange Wine: Herkunft, Herstellung, Missverständnisse
- Mike

- 25. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen
Orange Wine ist Weißwein, der wie Rotwein hergestellt wird. Nach dem Pressen bleiben die Schalen der weißen Trauben mehrere Tage, Wochen oder Monate mit dem Saft in Kontakt. Diese Maischegärung, also die Gärung von Saft und Schalen zusammen, gibt dem Wein seine bernstein- bis orangefarbene Farbe und eine Gerbstoffstruktur, wie man sie sonst nur von Rotwein kennt. Neu ist das Verfahren nicht. Archäologische Funde belegen Maischegärung in Georgien vor rund 8000 Jahren.
Der Unterschied zu normalem Weißwein
Bei klassischem Weißwein werden die Trauben gepresst und der Saft sofort von den Schalen getrennt. Ein einziger Schritt fehlt beim Orange Wine, und der verändert alles. Die zerdrückten Trauben bleiben mit Schale und Kernen, manchmal auch mit Stielen, im Kontakt mit dem eigenen Saft. Aus den Schalen lösen sich Gerbstoffe, Farbstoffe und Aromen. Genau daher kommt die Farbe, die dem Wein seinen Namen gibt.
Eine Methode gegen die Weißwein-Regel
Weißwein wird normalerweise so gemacht, dass Schalenkontakt vermieden wird. Zu viel Bitterkeit, zu viel Oxidation, so die klassische Lehrmeinung. Orange Wine dreht diese Regel um und macht aus der vermeintlichen Gefahr das Ziel.
Georgien gilt als Geburtsstätte des Weins. Dort werden Trauben bis heute in großen Tongefäßen vergoren, den Qvevri. 2013 erklärte die UNESCO die traditionelle Qvevri-Weinherstellung zum immateriellen Weltkulturerbe. In Georgien selbst spricht man dabei kaum von Orange Wine. Der gebräuchliche Begriff dort ist Amber Wine, Bernsteinwein. Er trifft den Charakter besser als das plakative Orange.
Die Rückkehr in die moderne Weinwelt begann in den 1990ern im Nordosten Italiens. Stanko Radikon und Joško Gravner aus dem Friaul begannen, von georgischen Methoden inspiriert, Weißweine mit verlängertem Schalenkontakt zu produzieren. Für Radikon fing es 1995 an, mit Ribolla Gialla, die über eine Woche auf den Schalen blieb. Die erste Reaktion des italienischen Weinestablishments war Ablehnung. Heute zählen beide zu den wichtigsten Referenzen der internationalen Naturweinszene. Der Begriff Orange Wine selbst entstand erst in den frühen 2000ern, als Journalisten einen Namen für diese bernstein- bis orangefarbenen Weine aus Friaul und Slowenien suchten.
Von der Traube zur Flasche
Die Maischestandzeit variiert stark. Manche Winzer lassen den Wein 24 Stunden auf den Schalen, andere mehrere Monate. Kurze Mazerationen bringen frische, fruchtbetonte Stile. Lange Kontaktzeiten bringen mehr Gerbstoffe, mehr Tiefe und eine eigene Würze.
Der Ausbau selbst passiert in Holzfässern, Betontanks, Amphoren oder Stahltanks, mit oder ohne Zugabe von Reinzuchthefen und Schwefel. Weine aus alten, luftdurchlässigen Fässern oder Tonamphoren entwickeln durch den oxidativen Ausbau eine besonders intensive Färbung. Viele Orange Wines werden unfiltriert abgefüllt. Das macht sie trüb, und das ist Absicht, kein Fehler.
Typisch für den Geschmack sind Aromen getrockneter Früchte, Aprikose, Pfirsich, manchmal Sherry-ähnliche Noten. Dazu kommt die Textur. Orange Wine hat Struktur, einen leichten Biss, fast etwas zum Kauen, wenn man das bei Wein so sagen darf. Bei klassischem Weißwein ist das ungewohnt. Bei Orange Wine ist es das Markenzeichen.
Mythen und Missverständnisse
Orange Wine schmeckt nach Orangen. Der Name bezieht sich auf die Farbe, nicht auf den Geschmack. Typisch sind eher getrocknete Aprikosen, Walnuss und Sherry-Noten als Zitrus.
Orange Wine ist dasselbe wie Naturwein. Die Begriffe werden häufig vermengt, sind aber nicht identisch. Maischegärung ist eine Herstellungsmethode. Naturwein beschreibt einen Produktionsansatz mit minimalem Eingriff. Viele Winzer, die Orange Wine machen, folgen einer Naturwein-Philosophie. Das ist aber keine Voraussetzung.
Orange Wine ist ein kurzlebiger Trend. Die Methode ist rund 8000 Jahre alt, der Begriff dafür wenige Jahrzehnte jung. 2018 brachte Aldi in Großbritannien erstmals einen Orange Natural Wine in seine Filialen, für damals 5,99 Pfund. Der Discounter blieb dabei. 2024 folgte mit dem Rosorange ein Orange-Rosé-Verschnitt als Supermarkt-Novum, 2025 ein weiterer Orange Wine im Sortiment. Das ist kein Hype-Signal mehr. Das ist Mainstreaming über Jahre.
Trüber Wein ist ein fehlerhafter Wein. Bei Orange Wine ist Trübung meist Absicht. Viele Weine reifen unfiltriert und werden erst nach vollständiger Gärung und mikrobiologischer Stabilität abgefüllt. Die Trübung zeigt handwerkliche Herstellung, keinen Mangel.
Zertifizierung: Was das Siegel sagt, und was nicht
Orange Wine ist kein weinrechtlich geschützter Begriff. Es gibt in der EU bislang keine eigene, offizielle Weinkategorie dafür. Winzer dürfen die Methode also frei anwenden, im Holzfass, in der Amphore, mit oder ohne Schwefel, mit oder ohne Filtration.
Für Bio-Wein gilt das nicht. Ein Bio-Siegel bestätigt biologischen Anbau der Trauben nach festgelegten Vorgaben. Es sagt nichts darüber, ob der Wein Schalenkontakt hatte. Ein Weingut kann bio-zertifiziert sein und trotzdem klassischen Weißwein ohne Maischegärung machen. Umgekehrt muss ein Orange Wine nicht automatisch aus biologischem Anbau stammen. Wer beides will, muss beides prüfen, das Herstellungsverfahren und den Zertifikatsstatus, getrennt voneinander.
Orange Wine in Iberien und Deutschland
Auf der iberischen Halbinsel hat die Methode eine eigene, sehr alte Spur. Im Alentejo bauen Winzer seit rund 2000 Jahren Wein in großen Tongefäßen aus, den Talhas, eine Technik, die schon die Römer mitbrachten. 2012 wurde die DOC Vinho de Talha eingeführt, die weltweit einzige Herkunftsbezeichnung, die eigens für Amphorenwein reserviert ist. Die Trauben stammen aus allen acht Subregionen des Alentejo. Traditionell bleibt der Wein bis zum 11. November, dem Fest des Heiligen Martin, in der Talha. Aus dieser Tradition entstehen neben Rot- und Weißweinen auch klassische Orange Wines, oft aus autochthonen Sorten wie Arinto oder Antão Vaz. Auch andere iberische Sorten wie Verdelho oder Zalema eignen sich durch ihre Struktur gut für verlängerten Schalenkontakt.
In Deutschland liegt der Schwerpunkt in Rheinhessen, dem größten deutschen Weinanbaugebiet. Auch in der Pfalz, in Baden und in Württemberg produzieren Winzer Orange Wine, meist Betriebe mit biologischem Anbau, die ohnehin Erfahrung mit weniger Eingriff in die Weinbereitung haben. Typische Rebsorten sind Riesling, Grauburgunder, Weißburgunder und Silvaner. Das Deutsche Weininstitut führt Orange Wine inzwischen als eigene, vierte Weinfarbe neben Weiß, Rosé und Rot, eine Einordnung, die auch der Verband Rheinhessenwein e.V. verwendet.
Der Unterschied zwischen beiden Ländern liegt weniger im Geschmack als in der Anerkennung. Iberien hat mit der DOC Vinho de Talha eine offizielle, jahrhundertealte Institution hinter der Methode. In Deutschland bleibt Orange Wine ein Projekt einzelner Winzer, ohne eigene rechtliche Kategorie, aber mit wachsender Zahl an Betrieben.
Zusammenfassung
Orange Wine ist Weißwein, der durch Maischegärung, also verlängerten Schalenkontakt bei der Gärung, seine bernstein- bis orangefarbene Farbe und seine Gerbstoffstruktur erhält. Die Methode stammt aus Georgien und ist dort seit rund 8000 Jahren bekannt. In der modernen Weinwelt wurde sie in den 1990ern durch die Friulaner Winzer Stanko Radikon und Joško Gravner neu belebt. Rechtlich ist der Begriff bis heute nicht geschützt, ein Bio-Siegel sagt nichts über die Herstellungsmethode aus. Im Alentejo existiert mit der DOC Vinho de Talha die einzige eigene Herkunftsbezeichnung weltweit dafür, in Deutschland trägt vor allem Rheinhessen die Szene.
Häufige Fragen zu Orange Wine
Was ist Orange Wine und warum ist er orange? Orange Wine ist ein Weißwein, der nach dem Prinzip der Rotweinbereitung hergestellt wird. Die Trauben bleiben nach dem Keltern mit ihren Schalen in Kontakt, oft mehrere Wochen oder Monate. Aus den Schalen lösen sich Farbstoffe, Gerbstoffe und Aromen. Das ergibt die bernstein- bis orangefarbene Farbe.
Schmeckt Orange Wine nach Orangen? Nein. Der Name bezieht sich auf die Farbe, nicht auf den Geschmack. Typische Aromen sind getrocknete Aprikose, Pfirsich, Walnuss, manchmal Sherry-ähnliche Noten.
Ist Orange Wine dasselbe wie Naturwein? Nein, auch wenn die Begriffe oft vermengt werden. Maischegärung ist eine Herstellungsmethode. Naturwein beschreibt einen Produktionsansatz mit minimalem Eingriff. Beides kann zusammenfallen, muss es aber nicht.
Ist Orange Wine automatisch Bio-Wein? Nein. Ein Bio-Siegel bestätigt den biologischen Anbau der Trauben, sagt aber nichts über Schalenkontakt aus. Beides muss getrennt geprüft werden.
Wozu passt Orange Wine am besten? Zu würzigen, kräftigen Gerichten, für die klassischer Weißwein oft zu wenig Rückhalt hat. Currys, mariniertes Gemüse, gereifter Käse, iberische Gerichte wie gegrillte Sardinen oder Escabeche.
Bei welcher Temperatur trinkt man Orange Wine? Zwischen 10 und 14 Grad Celsius. Ein kurzes Dekantieren kann helfen, den Wein zu öffnen.
Ist ein trüber Orange Wine fehlerhaft? Nein. Viele Orange Wines werden unfiltriert abgefüllt. Die Trübung ist ein typisches, gewolltes Merkmal, kein Zeichen eines Fehlers.
Dieser Artikel gehört zu unserer Weinwissen-Serie bei Biowein Iberia. Hier sammeln wir, was vor dem Öffnen der Flasche gut zu wissen ist. Klar und nützlich.
Genieße verantwortungsvoll! 18+
Autor: Mike Mehlau, https://www.linkedin.com/in/mikemehlau-biowein/

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