Alvarinho: Autochthon im Norden, Gast im Süden
- Mike

- vor 1 Tag
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Alvarinho ist eine weiße Rebsorte vom nordwestlichen Rand der Iberischen Halbinsel, aus dem Tal des Flusses Minho, der Grenze zwischen Portugal und Spanien. In Spanien heißt sie Albariño, genetisch ist sie identisch. Ihre Heimat ist der feuchte Atlantik-Norden: Vinho Verde in Portugal, Rías Baixas in Galicien. In der Algarve, weit im Süden, gilt sie offiziell nicht als autochthon. Von den 73 Rebsorten, die dort angebaut werden dürfen, trägt nur eine diesen Status: die Negra Mole.
Herkunft und Verbreitung
Die erste schriftliche Erwähnung von Alvarinho stammt aus dem Jahr 1843. Das ist spät für eine Sorte, die vermutlich viel älter ist. In der Region wurden Rebstöcke gefunden, deren Alter auf 200 bis 300 Jahre geschätzt wird, festgehalten im Standardwerk Wine Grapes von Robinson, Harding und Vouillamoz. Lange hielt sich die Legende, Zisterziensermönche hätten die Sorte zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert über den Jakobsweg aus Cluny nach Galicien gebracht. DNA-Analysen haben das widerlegt. Alvarinho ist vermutlich eine einheimische Sorte der Grenzregion um den Minho, wobei bis heute nicht abschließend geklärt ist, ob ihr Ursprung eher auf portugiesischer oder auf galicischer Seite liegt.
Angebaut wird sie fast ausschließlich an zwei Orten: im portugiesischen Vinho Verde, dort vor allem in der Unterregion Monção e Melgaço, und in Rías Baixas in Galicien. Spanien produziert etwa zehnmal so viel Wein aus dieser Traube wie Portugal, weshalb die meisten Menschen ihr zuerst unter dem Namen Albariño begegnen. Kleinere Pflanzungen gibt es inzwischen auch in Oregon, Washington und Kalifornien, bei Eben Sadie in Südafrika, bei Gunther Künstler in Deutschland sowie in Neuseeland und Australien.
Der irreführende Name
Der Name Alvarinho bedeutet übersetzt so viel wie die Weiße vom Rhein. Das klingt nach einer Verwandtschaft mit dem Riesling, und genau diese Vermutung hielt sich lange in der Weinwelt. DNA-Untersuchungen aus dem Jahr 2003 haben sie widerlegt. Eine nähere Verwandtschaft besteht stattdessen zur Loureiro, einer weiteren weißen Sorte aus derselben Region. Der Name bleibt trotzdem, weil er sich fest etabliert hat. Man sollte ihn nur nicht wörtlich nehmen.
Die Autochthonie-Frage
Autochthon heißt: an Ort und Stelle entstanden, nicht eingeführt. Für Alvarinho lässt sich das differenziert beantworten. Für den Norden Portugals und Galiciens ist sie es aller Wahrscheinlichkeit nach. Für die Algarve nicht.
Die Comissão de Vinhos do Algarve, die offizielle Zertifizierungsstelle der Region, listet 73 Rebsorten, die dort angebaut werden dürfen: 47 nationale und 26 ausländische. Autochthon, also wirklich einheimisch, ist davon nur eine einzige: die Negra Mole. Alvarinho zählt zu den nationalen Sorten, ist damit portugiesisch, aber nicht algarvisch. Der Unterschied zeigt sich gut im Vergleich mit Arinto, einer weiteren weißen Sorte im Sortiment vieler Algarve-Weingüter. Die CVA beschreibt Arinto ausdrücklich als Sorte, die in der Region schon immer präsent war. Für Alvarinho trifft das nicht zu. Sie ist im Süden ein Neuzugang, kein Erbe.
Rechtlich zugelassen ist Alvarinho im Süden trotzdem, allerdings nur über die weiter gefasste Indikation Geográfica Algarve, die 2023 im offiziellen Lastenheft der IVV mit 73 weißen und roten Sorten hinterlegt wurde. In keiner der vier Denominações de Origem Controlada der Algarve, Lagoa, Lagos, Portimão und Tavira, taucht Alvarinho in der Sortenliste auf. Dort dominieren traditionell Arinto und Síria, in der Algarve auch Crato Branco genannt.
Drei Eigenschaften, die Alvarinho auszeichnen
Aromaintensität. Kaum eine portugiesische weiße Sorte bringt so viel Duft ins Glas. Zitrusfrüchte, Steinobst, manchmal ein floraler Ton, der an Viognier erinnert. Zusammen mit der lebendigen Säure war das lange ein Grund für den Riesling-Vergleich, der sich, wie oben erklärt, botanisch nicht halten lässt.
Kräftige Apfelsäure. Alvarinho behält auch bei voller Reife eine spürbare Säurestruktur. Das gibt den Weinen Frische und macht reinsortige Abfüllungen erstaunlich lagerfähig für eine Sorte, die meist jung getrunken wird.
Vorliebe für Feuchtigkeit. In ihrer Heimat wird Alvarinho traditionell auf Pergolen gezogen, hoch über dem Boden, um die Trauben vor Bodenfeuchte und Fäulnis zu schützen. Das ist eine Anpassung an ein feuchtes, atlantisches Klima. Genau das macht ihre Anwesenheit im trockenen Süden bemerkenswert.
Alvarinho in der Algarve: Ein Klimasprung
Die Algarve hat mehr als 3.000 Sonnenstunden im Jahr und nur etwa 575 Millimeter Niederschlag, das steht so im offiziellen Lastenheft der IG Algarve. Ein warmes, trockenes, mediterranes Klima mit atlantischem Einfluss. Monção e Melgaço, die Heimat von Alvarinho, ist das Gegenteil: kühl, feucht, grün, geprägt von Granitböden statt Kalk.
Dass Alvarinho trotzdem in der Algarve steht, ist kein Zufall aus grauer Vorzeit, sondern eine bewusste, junge Entscheidung einzelner Weingüter. Die traditionellen weißen Sorten der Region sind seit jeher Arinto, Síria und Moscatel. Wer heute Alvarinho pflanzt, tut das, weil die Sorte etwas mitbringt, was die einheimischen Sorten allein nicht liefern: diese spezifische Aromatik.
Der Winzer-Anker: Arvad Branco 2024
Ein Beispiel dafür ist der Arvad Branco 2024 vom Weingut Arvad an der Algarve. Er ist eine Cuvée aus Arinto, Alvarinho und Sauvignon Blanc, angebaut auf den Weinbergen des Weinguts am Fluss Arade bei Silves, auf kalkhaltigem Lehmboden.
Arvad wurde 2016 gegründet, die erste Weinlese fand 2019 statt, verantwortlich zeichnet Önologe Bernardo Cabral. Die Trauben werden von Hand gelesen. Der Großteil vergärt in Edelstahltanks, ein kleiner Teil in gebrauchten französischen Eichenfässern. Danach ruht der Wein fünf Monate auf der Feinhefe, bevor er abgefüllt wird.
Zur genauen Aufteilung der drei Rebsorten im Verschnitt macht das Weingut keine öffentliche Angabe, deshalb lässt sich hier nichts erfinden. Was sich aber sagen lässt: Jede der drei Sorten bringt ihren typischen Charakter mit. Arinto ist an der Algarve seit jeher zu Hause und liefert die natürliche Säure, die dem Wein Frische und Alterungspotenzial gibt. Sauvignon Blanc trägt die exotische, leicht grasige Aromatik bei, Litschi und weißer Spargel, wie es auch die reinsortige Arvad-Abfüllung zeigt. Alvarinho steuert genau jene Aromaintensität und mineralische Note bei, die sie auch in ihrer nördlichen Heimat auszeichnet.
Wichtig für die Einordnung: Der Arvad Branco 2024 ist nicht bio-zertifiziert. Biowein Iberia kennt das Weingut persönlich und steht für die Art, wie dort gearbeitet wird, auch ohne Zertifikat.
Speisenbegleitung
Der Arvad Branco 2024 passt gut zu gegrilltem Fisch und Meeresfrüchten, ebenso zu hellem Fleisch und mildem Käse. Auch als Dessertbegleiter funktioniert er überraschend gut, etwa zu einem Olivenöl-Zitronen-Sorbet mit einem Hauch Fleur de Sel. Die Zitrone greift die Frucht des Weins auf, das Salz bringt beides zusammen.
Zusammenfassung
Alvarinho ist identisch mit Albariño und stammt aus dem Grenzgebiet zwischen Minho und Galicien. In ihrer nördlichen Heimat ist sie vermutlich autochthon, in der Algarve nicht. Nur die Negra Mole trägt dort diesen Status offiziell. Dass Alvarinho trotzdem in der Region angebaut wird, wie beim Arvad Branco 2024, ist eine bewusste Entscheidung moderner Winzer und kein historisches Erbe.
FAQ
Ist Alvarinho dasselbe wie Albariño?Ja. Es handelt sich um dieselbe Rebsorte. Alvarinho ist der portugiesische Name, Albariño der spanische, genutzt vor allem in Galicien.
Woher stammt Alvarinho ursprünglich?Aus der Grenzregion um den Fluss Minho zwischen Nordportugal und Galicien. Die genaue Seite der Grenze ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.
Ist Alvarinho eine autochthone Rebsorte der Algarve?Nein. Laut Comissão de Vinhos do Algarve gilt in der gesamten Region nur die Negra Mole offiziell als autochthon.
Womit wird Alvarinho typischerweise verschnitten?Am häufigsten mit Trajadura, die dem Wein zusätzliche Fülle gibt. In Monção e Melgaço und Rías Baixas wird sie auch oft reinsortig ausgebaut.
Wo wird Alvarinho außerhalb Portugals und Spaniens angebaut?In kleinen Mengen in Oregon, Washington, Kalifornien, Südafrika, Deutschland, Neuseeland und Australien.
Welche Rolle spielt Alvarinho im Arvad Branco 2024?Sie ist eine von drei Sorten neben Arinto und Sauvignon Blanc und bringt die für sie typische Aromaintensität in den Wein. Eine genaue Prozentangabe zum Verschnitt veröffentlicht das Weingut nicht.
Stimmt es, dass Alvarinho mit Riesling verwandt ist?Nein. Der Name legt das nahe, DNA-Analysen haben die Verwandtschaft aber widerlegt. Näher verwandt ist Alvarinho mit der Loureiro.
Dieser Artikel ist Teil unserer Rebsorten-Serie bei Biowein Iberia. Wir stellen iberische Rebsorten vor, die es verdienen, besser bekannt zu sein.
Genieße verantwortungsvoll! 18+
Autor: Mike Mehlau, https://www.linkedin.com/in/mikemehlau-biowein/

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