Aragonez und Tempranillo: Eine Rebsorte, viele Namen
- Mike

- 7. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 31. Juli
Aragonez ist die portugiesische Bezeichnung für Tempranillo, Spaniens meistangebaute Rotweinsorte. Genetisch sind beide identisch, bestätigt durch DNA-Analysen aus dem Jahr 2012, die Albillo Mayor und Benedicto als Elternsorten ausweisen. Die Rebsorte stammt aus Spanien, im Alentejo, ihrer wichtigsten portugiesischen Heimat, ist sie deshalb nicht autochthon, zählt dort aber zu den acht Pflichtsorten der DOC Alentejo. Weltweit stehen rund 230.000 Hektar Tempranillo beziehungsweise Aragonez, über 80 Synonyme sind dokumentiert.
Herkunft und Ursprung
Lange war die genaue Abstammung nicht geklärt. Erst 2012 zeigte eine genetische Untersuchung von Ibáñez et al., veröffentlicht im American Journal of Enology and Viticulture: Tempranillo ist eine natürliche Kreuzung aus der weißen Albillo Mayor und der roten, heute kaum noch kultivierten Benedicto. Wo genau diese Kreuzung entstand, bleibt unklar. Vermutet wird der Norden Spaniens, die Regionen Rioja oder Navarra, sicher ist nur: Spanien als Ursprungsland.
Der Name Tempranillo kommt vom spanischen Wort "temprano", was früh bedeutet. Die kleine Frühe. Die Traube reift nämlich deutlich früher als viele andere rote Sorten, etwa zwei Wochen vor der Garnacha.
Heute wächst die Sorte auf rund 230.000 Hektar weltweit. Damit gehört sie zu den meistangebauten Rebsorten der Erde. Nur wenige Rote haben diese Verbreitung. Und nur wenige schaffen es, dabei trotzdem so regional zu bleiben.
Ein Name, viele Regionen
In Spanien sagt man Tempranillo. In Portugal, im Alentejo, sagt man Aragonez. Im Douro-Tal und in der Dão-Region heißt dieselbe Rebe Tinta Roriz. In La Mancha nennt man sie Cencibel, in Ribera del Duero Tinto Fino, in Toro Tinta de Toro. Über 80 Namen sind für die Sorte dokumentiert, ein Zeichen dafür, wie weit verbreitet und wie lange sie bereits angebaut wird.
Obwohl Aragonez und Tempranillo genetisch identisch sind, schmeckt ein Alentejo-Aragonez nicht wie ein Rioja-Tempranillo. Das Klima macht den Unterschied. Und der Boden. Und die Entscheidung im Weinberg.
Autochthon oder nicht: Der Ehrlichkeitscheck
Autochthon heißt: eine Sorte, die genau in dieser Region entstanden ist und sonst nirgends heimisch ist. Für Aragonez im Alentejo lässt sich das eindeutig beantworten. Der Vitis International Variety Catalogue führt Spanien als Ursprungsland der Sorte, nicht Portugal. Autochthon ist Aragonez damit nirgends in Portugal, weder im Alentejo noch im Douro oder Dão, wo sie unter dem Namen Tinta Roriz kultiviert wird.
Trotzdem hat sich die Sorte im Alentejo fest etabliert. Sie gehört dort zu den acht Rebsorten, die laut Instituto da Vinha e do Vinho für die DOC Alentejo obligatorisch sind, gemeinsam mit Alfrocheiro, Alicante Bouschet, Cabernet Sauvignon, Castelão, Syrah, Touriga Nacional und Trincadeira. Diese acht Sorten müssen gemeinsam mindestens 75 Prozent eines DOC-Alentejo-Weins ausmachen. Eingeführt, aber unverzichtbar, das ist die ehrliche Beschreibung für Aragonez im Alentejo.
Drei Eigenschaften, die Aragonez auszeichnen
Frühe Reife. Aragonez reift rund zwei Wochen vor der Garnacha. Für ein Land wie Portugal, wo der Sommer lang und trocken ist, ein klarer Vorteil, die Trauben müssen weniger Hitze aushalten, um gute Qualität zu entwickeln.
Dickschalige, kompakte Beeren. Die Trauben sind kompakt, die Beeren dickschalig und reich an Tanninen und Farbstoffen. Das ergibt tiefrote, strukturgebende Weine, die auch im Verschnitt Farbe und Gerüst mitbringen.
Kräftiges Wachstum, gute Anpassungsfähigkeit. Die Rebe wächst kräftig und passt sich an unterschiedliche Böden und Klimazonen an, von den kühleren Lagen der Rioja bis zu den heißen, trockenen Böden des Alentejo. Für den ökologischen Weinbau ist das ein Vorteil. Wichtig bleibt dabei die Ertragskontrolle: Bei zu hohen Erträgen verliert Aragonez an Intensität, die Farbe wird blasser, das Fruchtprofil flacher.
Regionaler Deep-Dive: Der Alentejo
Der Alentejo liegt im Süden Portugals. Große, weite Landschaft. Wenig Regen. Trockene, steinige Böden, oft mit rotem Schiefer oder Granit. Im Sommer wird es heiß, die Nächte kühlen aber gut ab. Das gibt den Trauben Zeit, langsam zu reifen und dabei Frucht und Struktur gleichzeitig aufzubauen.
Ein Aragonez aus dem Alentejo bringt das auch in die Flasche. Dunkle, reife Farbe. Aromen von Kirschen, Pflaumen, roten Beeren, dazu würzige Noten, manchmal auch ein Hauch von schwarzem Pfeffer oder Kräutern. Im Alentejo wird Aragonez oft mit anderen lokalen Sorten verschnitten, etwa mit Alicante Bouschet oder Trincadeira. Reinsortig ausgebaute Weine gibt es ebenfalls, dort zeigt die Sorte ihre ganze Persönlichkeit.
Winzer-Anker: Barão & Borge
Im südlichen Alentejo, bei Vila Nova de São Bento, liegt das Weingut Barão & Borge. Gegründet wurde es 1983, als Maria "dos Reis" Borge gemeinsam mit ihrem Mann Bento Barão Senior auf einem geerbten Grundstück die ersten Reben pflanzte. Aus diesem kleinen Weinberg wurde im Laufe der Jahre das heutige Familienunternehmen, heute von den Kindern der Gründerin weitergeführt.
Der Bio-Roséwein Rosado 2023 zeigt die Sorte sortenrein: 100 Prozent Aragonez, von Hand gelesen und nur kurz mit den Schalen in Kontakt, bevor der Saft gepresst und kühl vergoren wird. Lachsorange in der Farbe, mit Noten von frischen Himbeeren, einem leicht herben Ton, der an Kräuter oder Gemüse erinnert, und etwas Trockenfrucht im Hintergrund.
Daneben führt Barão & Borge auch den Bio-Rotwein Maria dos Reis 2021, eine Assemblage aus Alicante Bouschet, Castelão, Alfrocheiro, Tinta Barroca und Aragonez, biologisch zertifiziert, gereift in Fässern aus französischer und amerikanischer Eiche, 14 Prozent Alkohol. Hier ist Aragonez einer von fünf Partnern im Verschnitt, nicht die Hauptsorte, aber Teil dessen, was dem Wein seine Struktur gibt.
Speisenbegleitung
Barão & Borge selbst empfiehlt zum Rosado leichte Gerichte, Fisch oder einfach das Draußensitzen an einem warmen Abend. Für Desserts passt ein Himbeer-Thymian-Crumble gut dazu, die Himbeeren im Wein und im Gericht greifen ineinander, der Thymian setzt einen frischen, leicht herben Kontrast. Zum Maria dos Reis empfiehlt das Weingut kräftige Eintöpfe, Steaks oder Wildgerichte, passend zu den reifen roten Früchten, den subtilen Röstnoten und Gewürzen des Weins. Generell gilt für Aragonez in seiner roten Form: Er passt zu Gerichten mit etwas Gewicht, dunklen Saucen, gereiftem Käse, auch zu gut gewürztem Gemüse, weil seine Würze und die Frucht beides aufnehmen. Serviert wird er am besten zwischen 16 und 18 Grad, ein paar Minuten vor dem Trinken geöffnet und kurz atmen lassen.
Aragonez und Tempranillo im Vergleich
Streng genommen ist es dieselbe Sorte. Aber der Kontext macht den Unterschied. Ein Rioja-Tempranillo hat oft lange Fassreife, manchmal viel Holz, eine eher zurückhaltende, elegante Art. Ein Alentejo-Aragonez ist meist direkter, fruchtiger, sonnengereifter. Das heiße, trockene Klima des Alentejo zeigt sich im Wein.
Im Sortiment lässt sich das direkt gegenüberstellen. Neben dem Aragonez von Barão & Borge führt Biowein Iberia auch zwei reinsortige Tempranillo-Weine von Bodega Palomillo aus Andalusien: den Tempranillo Joven und den Tempranillo Barrica. Bodega Palomillo liegt bei Vélez-Rubio im Norden Almerías, in der Sierra de las Estrancias, auf rund 800 bis 980 Metern Höhe, die Weinberge werden ökologisch und ohne Bewässerung bewirtschaftet, teils auf Schieferböden. Der Tempranillo Joven bleibt unkompliziert und fruchtbetont, ohne Fassausbau. Der Tempranillo Barrica reift mehrere Monate im Holzfass und bringt dadurch mehr Struktur und Tiefe mit. Beide zeigen, wie unterschiedlich dieselbe Rebsorte klingen kann, wenn Höhenlage, Boden und Ausbau wechseln, selbst innerhalb Spaniens.
Zusammenfassung
Aragonez ist Portugals Name für Tempranillo, DNA-bestätigt dieselbe Rebsorte, ursprünglich aus Spanien. Autochthon ist sie im Alentejo nicht, dafür aber eine von acht Pflichtsorten der DOC Alentejo und dort seit Jahrzehnten fest verwurzelt. Sie reift früh, bringt dickschalige, tanninreiche Beeren und wächst kräftig auf unterschiedlichsten Böden. Im südlichen Alentejo zeigt das Weingut Barão & Borge mit dem sortenreinen Rosado und dem Verschnitt Maria dos Reis zwei Seiten der Sorte. Mit den Tempranillo-Weinen von Bodega Palomillo aus Almería lässt sich dieselbe Rebsorte direkt im spanischen Kontext daneben stellen.
Häufige Fragen zu Aragonez
Was ist der Unterschied zwischen Aragonez und Tempranillo? Genetisch sind es dieselbe Rebsorte. Der Name Aragonez wird in Portugal verwendet, vor allem im Alentejo. Tempranillo ist der spanische Name, besonders aus der Rioja bekannt. Weil Klima, Böden und Ausbau verschieden sind, schmecken die Weine trotzdem unterschiedlich.
Ist Aragonez eine autochthone Rebsorte? Nein. Der Vitis International Variety Catalogue führt Spanien als Ursprungsland. Im Alentejo ist Aragonez eingeführt, wenn auch eine der acht Pflichtsorten der DOC Alentejo.
Wo wird Aragonez angebaut? Hauptsächlich im Alentejo in Portugal. Im Douro-Tal und der Dão-Region heißt dieselbe Sorte Tinta Roriz. Weltweit ist Tempranillo auf rund 230.000 Hektar verbreitet, von Spanien über Portugal bis nach Argentinien und Australien.
Wozu passt ein Rotwein aus Aragonez? Gut zu Fleisch, dunklen Saucen, Schmorgemüse und gereiftem Käse. Auch zu herzhaften vegetarischen Gerichten wie Kartoffelgerichten oder gefüllten Paprika. Serviertemperatur: 16 bis 18 Grad.
Wie lange kann man einen Aragonez lagern? Das hängt vom Ausbau ab. Einfachere Weine trinkt man am besten jung bis zu etwa vier Jahren. Lagerfähigere Varianten mit mehr Extrakt und Fassausbau halten leicht zehn Jahre und länger.
Warum hat dieselbe Rebsorte so viele Namen? Weil sie sich seit Jahrhunderten auf der Iberischen Halbinsel verbreitet hat und in jeder Region einen eigenen Namen bekam. Über 80 Synonyme sind dokumentiert. Das zeigt, wie tief verwurzelt diese Sorte in der lokalen Weinkultur ist.
Dieser Artikel ist Teil unserer Rebsorten-Serie bei Biowein Iberia. Wir stellen iberische Rebsorten vor, die es verdienen, besser bekannt zu sein.
Genieße verantwortungsvoll! 18+
Autor: Mike Mehlau, https://www.linkedin.com/in/mikemehlau-biowein/

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