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Autochthone Rebsorten. Ein Fachwort. Eine große Familie.

Autorenbild: Mike
Mike
vor 4 Stunden
13 Min. Lesezeit

Autochthone Rebsorten stammen ursprünglich aus der Region, mit der sie heute verbunden werden. Viele sind dort durch natürliche Kreuzungen entstanden und wurden über Generationen weitervermehrt. Besonders auf der Iberischen Halbinsel gibt es davon erstaunlich viele.

Portugal zählt nach Schätzungen rund 250 eigene Rebsorten. Spanien besitzt ebenfalls zahlreiche einheimische Sorten. Und die DNA-Forschung zeigt inzwischen, wie eng viele dieser Trauben miteinander verwandt sind. Manche portugiesische Rebsorte hat spanische Eltern, andere teilen sich Vorfahren, die vor Jahrhunderten über die Iberische Halbinsel verbreitet waren.


Was bedeutet autochthon bei Rebsorten?

Das Wort autochthon stammt aus dem Griechischen. Es setzt sich aus autós für „selbst“ und chthṓn für „Erde“ zusammen. Sinngemäß bedeutet es „aus der Erde selbst stammend“.

Im Weinbau bezeichnet der Begriff eine Rebsorte, die aus einer bestimmten geografischen Region stammt und dort traditionell angebaut wird. Häufig entstand sie durch eine natürliche Kreuzung zweier älterer Sorten. Menschen haben diese neue Rebe anschließend ausgewählt und durch Stecklinge vermehrt.

Eine autochthone Rebsorte muss heute keineswegs ausschließlich in ihrer Herkunftsregion wachsen. Tempranillo beispielsweise stammt aus Spanien, wird inzwischen aber auf mehreren Kontinenten angebaut. An ihrer ursprünglichen Herkunft ändert das nichts.

Das unterscheidet sie von Rebsorten, die erst später in ein Anbaugebiet eingeführt wurden. Cabernet Sauvignon, Chardonnay oder Syrah stammen ursprünglich aus Frankreich und werden heute weltweit angebaut. Deshalb spricht man bei ihnen häufig von internationalen Rebsorten.

Dazwischen liegen Sorten, die seit Jahrhunderten zu einer Weinregion gehören, obwohl sie ursprünglich von anderswo stammen. Sie können die Weingeschichte dieser Region über lange Zeit geprägt haben, ohne dort autochthon zu sein.

Eine weitere Unterscheidung ist wichtig: Die Zulassung einer Rebsorte in einem Herkunftsgebiet sagt nichts darüber aus, ob sie auch dort entstanden ist. Eine portugiesische DOC oder eine spanische DO legt unter anderem fest, welche Rebsorten für bestimmte Herkunftsweine verwendet werden dürfen. Auf diesen Listen stehen heimische, zugewanderte und internationale Sorten nebeneinander.


Wenige Rebsorten beherrschen die weltweiten Weinberge

Wie viele Rebsorten gibt es überhaupt?

Die Internationale Organisation für Rebe und Wein, kurz OIV, nennt in ihrem Bericht zur weltweiten Verteilung der Rebsorten von 2017 rund 6.000 genetisch unterscheidbare Sorten der europäischen Weinrebe Vitis vinifera.

In internationalen Sortendatenbanken finden sich wesentlich mehr Namen. Der Grund: Dieselbe Sorte kann in verschiedenen Ländern unterschiedliche Bezeichnungen tragen. Hinzu kommen historische Namen und Fälle, in denen verschiedene Sorten gleich heißen.

Diese Vielfalt spiegelt sich allerdings kaum in der weltweiten Rebfläche wider.

Nach den OIV-Auswertungen, die überwiegend auf Anbaudaten bis 2015 beruhen, belegten gerade einmal 13 Rebsorten mehr als ein Drittel der weltweiten Rebfläche. 33 Sorten machten bereits die Hälfte aus. Dabei wurden auch Tafeltrauben berücksichtigt.

Spanien liefert dafür ein gutes Beispiel. Airén und Tempranillo standen nach den damaligen Daten zusammen auf 43,2 Prozent der spanischen Rebfläche. Airén allein erreichte 2015 rund 218.000 Hektar und gehörte damit zu den weltweit am häufigsten angebauten Rebsorten.

Der Name ist außerhalb Spaniens trotzdem vergleichsweise wenig bekannt. Airén wird überwiegend für einfache Weißweine und zur Herstellung von Weindestillaten verwendet.

In Portugal verteilte sich die Rebfläche laut demselben OIV-Bericht deutlich stärker auf unterschiedliche Sorten. Die zehn meistangebauten Rebsorten belegten dort zusammen rund 55 Prozent der Fläche.

Der portugiesische Rebengenetiker Antero Martins sprach 2022 von etwa 250 portugiesischen Rebsorten. Forschende der Universität Trás-os-Montes und Alto Douro, kurz UTAD, untersuchen weiterhin alte Weinberge und finden dort Reben, deren Sortenidentität bislang nicht geklärt ist.

Zum Vergleich lohnt sich ein Blick nach Deutschland. Hier steht Riesling auf ungefähr einem Viertel der Rebfläche. Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1435. Damals wurden in einer Rechnung aus Rüsselsheim Setzreben mit der Bezeichnung Riesling aufgeführt.

Auch Riesling besitzt einen genetischen Stammbaum. Als einer der Elternteile gilt der Weiße Heunisch, in Frankreich Gouais Blanc genannt. Die genaue Abstammung über den zweiten Elternteil ist weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.


Wie die Reblaus die Sortenvielfalt veränderte

Dass zahlreiche alte europäische Rebsorten bis heute erhalten geblieben sind, war keineswegs selbstverständlich.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichte die Reblaus Europa. Das aus Nordamerika eingeschleppte Insekt befällt die Wurzeln europäischer Weinreben und kann die Pflanzen dadurch zum Absterben bringen.

In Portugal wurde die Reblaus in den 1860er Jahren im Douro nachgewiesen. Andalusien traf die Plage ab 1878, zunächst in der Provinz Málaga. Große Weinbergsflächen gingen verloren. Wo sich eine Neuanpflanzung nicht mehr lohnte, wurden die Flächen teilweise anders genutzt.

Die Lösung bestand darin, europäische Rebsorten auf widerstandsfähige amerikanische Unterlagsreben zu pfropfen. Dieses Verfahren wird bis heute in einem Großteil der europäischen Weinberge eingesetzt.

Allerdings wurden damals längst nicht alle zuvor angebauten Rebsorten erneut gepflanzt. Viele verschwanden aus dem Weinbau, einige vermutlich vollständig.

Eine Ausnahme findet sich an der portugiesischen Atlantikküste, westlich von Lissabon. In Colares wachsen bis heute alte Reben der Sorten Ramisco und Malvasia de Colares auf eigenen Wurzeln in tiefen Sandböden.

Der Sand erschwert der Reblaus die Ausbreitung. Deshalb konnten dort wurzelechte Reben überleben, während andernorts amerikanische Unterlagen notwendig wurden.


Was die DNA über die Herkunft von Rebsorten verrät

Die Geschichte der europäischen Weinrebe beginnt lange vor den ersten portugiesischen oder spanischen Weinbergen.

Eine internationale Genetik-Studie aus dem Jahr 2023 untersuchte das Erbgut von 3.525 kultivierten und wilden Reben. Nach den Ergebnissen der Forschenden begann die Domestizierung vor ungefähr 11.000 Jahren nahezu gleichzeitig in Westasien und im Kaukasus.

Mit den frühen Wanderungsbewegungen der Menschen gelangten kultivierte Reben nach Europa. Dort vermischten sie sich im Laufe der Zeit teilweise mit einheimischen Wildreben und entwickelten sich weiter.

Die Geschichte einer autochthonen Rebsorte beginnt deshalb nicht zwangsläufig dort, wo die ersten Vorfahren ihrer Familie wuchsen. Entscheidend ist die Herkunft der konkreten Sorte.

Früher wurden Rebsorten vor allem anhand ihrer äußeren Merkmale bestimmt. Diese Wissenschaft heißt Ampelografie.

Untersucht werden unter anderem Blattformen, Blattbuchten, die Behaarung der Blattunterseite und die Eigenschaften der Trauben. Fachleute können anhand solcher Merkmale viele Rebsorten unterscheiden. Bei äußerlich sehr ähnlichen Sorten stößt diese Methode allerdings an Grenzen.

Seit den 1990er Jahren nutzt die Rebsortenforschung zunehmend genetische Untersuchungen.

Ein bekanntes Beispiel stammt aus dem Jahr 1997. Forschende der University of California in Davis wiesen nach, dass Cabernet Sauvignon aus einer Kreuzung von Cabernet Franc und Sauvignon Blanc entstanden ist.

Für solche Untersuchungen werden bestimmte Abschnitte des Erbguts miteinander verglichen. Damit lassen sich Sorten identifizieren und bei ausreichend guten Daten auch ihre Eltern nachweisen.

Die Ergebnisse werden unter anderem im Vitis International Variety Catalogue gesammelt. Die internationale Datenbank führt Informationen zu Herkunft, Abstammung und verschiedenen Namen einzelner Rebsorten.

Gerade auf der Iberischen Halbinsel hat diese Forschung einige Familienverhältnisse aufgedeckt, die vorher niemand kannte.


Hebén und Alfrocheiro. Eine große portugiesisch-spanische Rebfamilie

Im Stammbaum zahlreicher iberischer Rebsorten taucht immer wieder ein Name auf: Hebén.

Hebén ist eine alte weiße Rebsorte, die früher in verschiedenen Teilen Spaniens angebaut wurde. Heute findet man sie nur noch selten. Historisch wurde sie auch unter dem Namen Gibi geführt.

Die Bezeichnung Gibi ist mit einer alten Tafeltraube verbunden, deren Herkunft vermutlich in Nordafrika liegt. Möglicherweise gelangte diese Rebe während der maurischen Zeit auf die Iberische Halbinsel. Der genaue Weg lässt sich heute nicht mehr sicher rekonstruieren.

Eine spanisch-portugiesische Forschungsgruppe untersuchte 2015 die genetischen Verwandtschaftsverhältnisse von Hebén. Dabei wurden 23 vollständige Elternpaare und weitere direkte Abstammungsverhältnisse identifiziert. Insgesamt fanden die Forschenden rund 60 enge Nachkommen und Verwandtschaftsbeziehungen.

Zu den bekannten Nachkommen zählen spanische Sorten wie Airén, Cayetana Blanca, Viura, Xarel·lo und Pedro Ximénez.

Gerade bei Pedro Ximénez ist diese Erkenntnis interessant.

Über lange Zeit kursierte die Geschichte, ein deutscher Soldat namens Pedro Ximén habe die Rebsorte aus dem Rheingebiet nach Andalusien gebracht. Teilweise wurde deshalb sogar eine Verwandtschaft mit Riesling vermutet.

Genetische Untersuchungen haben diese Erzählung widerlegt. Pedro Ximénez ist ein Nachkomme von Hebén. Seine Herkunft wird heute auf der Iberischen Halbinsel vermutet, besonders im südlichen Spanien.


Alfrocheiro und die portugiesische Verbindung

Eine zweite Rebsorte spielt in diesem Stammbaum eine wichtige Rolle: Alfrocheiro.

Alfrocheiro ist eine rote portugiesische Rebsorte, die vor allem mit dem Dão verbunden wird, aber auch im Alentejo und an der Algarve angebaut wird. In Spanien findet man sie ebenfalls, unter anderem in den Provinzen Zamora und Salamanca.

Die DNA-Forschung konnte nachweisen, dass Hebén und Alfrocheiro gemeinsam die Eltern mehrerer Rebsorten sind.

Dazu gehören Malvasia Fina, Castelão Branco, Tinta Grossa und Trincadeira das Pratas. Auch die seltene spanische Sorte Allarén stammt von diesen beiden Eltern ab.

Damit haben eine weiße spanische Rebsorte und eine rote portugiesische Rebsorte mehrere gemeinsame Nachkommen hervorgebracht.

Besonders interessant ist die Verwandtschaft zwischen Malvasia Fina und Castelão.

Castelão zählt zu den traditionellen roten Rebsorten Portugals. Die Sorte wurde bereits 1531 in der Region Lamego erwähnt und wird heute vor allem im Süden und in der Mitte Portugals angebaut.

Das portugiesische Forschungsinstitut INIAV führt Castelão als natürliche Kreuzung aus Alfrocheiro Preto und Cayetana Blanca. Cayetana Blanca wiederum stammt von Hebén ab.

Damit ergibt sich ein ungewöhnliches Familienverhältnis.

Malvasia Fina ist ein Kind von Hebén und Alfrocheiro. Castelão stammt ebenfalls von Alfrocheiro ab, allerdings zusammen mit Cayetana Blanca. Beide Rebsorten sind also Halbgeschwister.

Gleichzeitig ist Cayetana Blanca ein Kind von Hebén und damit eine Halbschwester von Malvasia Fina.

Für Castelão ist Malvasia Fina deshalb gleichzeitig Halbschwester und Halbtante.

Ein Stammbaum, der sich über Portugal und Spanien erstreckt und mehrere heute noch angebaute Rebsorten miteinander verbindet.


Auch Tempranillo hat nachweisbare Eltern

Bei Tempranillo gelang den Forschenden 2012 ein ähnlicher Nachweis.

Wissenschaftler des spanischen Instituto de Ciencias de la Vid y del Vino und des Forschungsinstituts IMIDRA identifizierten Albillo Mayor und Benedicto als Elternsorten von Tempranillo.

Albillo Mayor wird noch heute im nördlichen und mittleren Teil der Iberischen Halbinsel angebaut. Benedicto ist dagegen fast verschwunden.

Neuere genetische Untersuchungen stützen die Vermutung, dass Tempranillo ursprünglich im Gebiet des Ebro-Tals in Nordspanien entstanden ist.

In Portugal ist Tempranillo unter den Namen Aragonez und Tinta Roriz bekannt.

Auch hier zeigt sich, wie wenig ein Landesname über die genetische Herkunft einer Sorte aussagt.


Was autochthone Rebsorten aussagen und was nicht

Rund um einheimische Rebsorten gibt es einige Missverständnisse.

Das erste betrifft die Qualität. Eine autochthone Rebsorte ist nicht automatisch hochwertiger als eine internationale Sorte. Die Herkunft sagt zunächst nichts darüber aus, wie sorgfältig die Trauben angebaut oder später verarbeitet wurden.

Ebenso wenig lässt sich aus dem Begriff ableiten, wie ein Wein schmeckt. Jede Rebsorte besitzt bestimmte Eigenschaften. Wie sich diese im Wein zeigen, hängt unter anderem von Klima, Boden, Reifegrad und Weinbereitung ab.

Auch biologischer Anbau hat mit der Herkunft einer Rebsorte zunächst nichts zu tun. Eine autochthone Sorte kann konventionell angebaut werden. Ein Chardonnay oder Cabernet Sauvignon kann wiederum vollständig biologisch erzeugt sein.

Bei einem als Biowein gekennzeichneten Wein sind die entsprechenden gesetzlichen Vorgaben zur ökologischen Produktion maßgeblich. Das EU-Bio-Logo und die Kontrollstellennummer geben darüber Auskunft.


Wenn unterschiedliche Namen dieselbe Rebsorte bezeichnen

Ein weiteres Problem liegt bei den Namen.

Die weiße Palomino aus Andalusien wird auf den Kanarischen Inseln beispielsweise Listán Blanco genannt. Auch in anderen Weinbauländern trägt sie weitere Bezeichnungen.

Umgekehrt kann derselbe Name für unterschiedliche Rebsorten verwendet werden.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Negra Mole von der Algarve.

Die regionale Weinbaukommission Comissão Vitivinícola do Algarve führt Negra Mole ausdrücklich als autochthone Sorte der Algarve. Sie gilt dort als traditionelle regionale Rebsorte.

In internationalen Sortenverzeichnissen und Fachpublikationen wird die Verbindung zur spanischen Negramoll und zur Tinta Negra auf Madeira allerdings unterschiedlich behandelt. Manche Quellen führen diese Namen als Synonyme derselben Sorte.

Deshalb sollte man zwischen der regionalen Einordnung als autochthone Sorte und der genetischen Identität der unterschiedlichen Bezeichnungen unterscheiden.

Bei der Tintilla de Rota aus Andalusien liegt ein ähnlicher Fall vor.

Genetische Untersuchungen zeigen eine nahezu vollständige Übereinstimmung mit Graciano, einer roten Rebsorte aus Nordspanien. Eine Untersuchung des andalusischen Forschungsinstituts IFAPA von 2026 bestätigte zugleich Unterschiede bei Ertragsverhalten und Weineigenschaften.

Zwei Reben können also genetisch außerordentlich eng verwandt sein und sich dennoch im Weinberg unterschiedlich verhalten.


Alicante Bouschet. Eine französische Sorte mit portugiesischer Geschichte

Dass eine Rebsorte ursprünglich aus einem anderen Land stammt, schließt eine lange regionale Weinbaugeschichte nicht aus.

Alicante Bouschet wurde 1866 in Frankreich von Henri Bouschet gezüchtet. Sie entstand aus Petit Bouschet und Grenache.

Die Sorte gehört zu den sogenannten Färbertrauben. Bei ihr sind neben der Beerenschale auch Teile des Fruchtfleisches rot gefärbt.

Ende des 19. Jahrhunderts gelangte Alicante Bouschet auf die Herdade do Mouchão im Alentejo. Dort fand die Sorte geeignete Anbaubedingungen und verbreitete sich später in weiteren Teilen der Region.

Heute gehört Alicante Bouschet fest zum Weinbau des Alentejo. Sie ist dort allerdings keine autochthone Sorte, denn ihre Entstehung in Frankreich ist dokumentiert.


Autochthone und traditionelle Rebsorten an der Algarve, im Alentejo und in Andalusien

Für Biowein Iberia sind vor allem drei Weinregionen interessant: die Algarve und das Alentejo in Portugal sowie Andalusien in Spanien.

Alle drei Regionen besitzen eigene Rebsortentraditionen. Manche Sorten gelten als regional entstanden, andere werden dort seit Jahrhunderten angebaut.


Algarve: Die Negra Mole

An der Algarve ist die Negra Mole eng mit der Geschichte des Weinbaus verbunden.

Noch in den 1980er Jahren machte sie nach Angaben der regionalen Weinbaukommission etwa 75 Prozent der Rebfläche aus. Inzwischen ist ihr Anteil deutlich geringer.

Die Sorte besitzt eine Besonderheit: Innerhalb einer Traube können Beeren unterschiedliche Färbungen aufweisen. Von Rosa bis Dunkelblau kommen verschiedene Abstufungen vor.

Traditionell wurde Negra Mole auch für die Herstellung von Palhete und Clarete verwendet. Dabei entstanden häufig hellere Rotweine aus unterschiedlich gefärbten Trauben.

Teilweise wachsen die alten Reben bis heute auf sandigen Böden. Bei einer dokumentierten Lese im Jahr 2018 wurden an der Algarve unter anderem Rebstöcke aus dem Jahr 1942 geerntet.

Mehr zu dieser Weintradition findest du in unserem Artikel über Palhete.


Alentejo: Antão Vaz und Castelão

Im Alentejo spielen sowohl weiße als auch rote traditionelle Rebsorten eine wichtige Rolle.

Eine davon ist Antão Vaz.

Die weiße Rebsorte wird besonders mit der Gegend um Vidigueira verbunden. Als in den 1960er und 1970er Jahren alte Bestände untersucht wurden, fanden sich außerhalb dieser Gegend kaum ältere Weinberge mit Antão Vaz.

Bereits in einer ampelografischen Sammlung aus Évora von 1890 wurde die Sorte unter der Nummer 84 aufgeführt.

Antão Vaz besitzt eine vergleichsweise dicke Beerenhaut und reift spät. Die Sorte wird besonders in den warmen, sonnigen Lagen des Alentejo angebaut.

Im Wein findet man sie sowohl reinsortig als auch in Cuvées. Häufig wird sie mit der portugiesischen Weißweinsorte Arinto kombiniert.

Bei den Rotweinen begegnet man regelmäßig Castelão. Die Sorte wird auch in anderen Teilen Portugals angebaut und gehört dort seit Jahrhunderten zum traditionellen Rebsortenbestand.

Und dann ist da noch Alicante Bouschet, die ursprünglich französische Rebsorte, die heute aus vielen Rotweinen des Alentejo kaum wegzudenken ist.


Andalusien: Palomino, Pedro Ximénez und Tintilla de Rota

Andalusien besitzt ebenfalls mehrere alte Rebsorten mit enger regionaler Bindung.

Die bekannteste ist Palomino. Sie bildet die Grundlage der meisten traditionellen Sherry-Weine aus dem Gebiet rund um Jerez de la Frontera.

Ihre Geschichte reicht mehrere Jahrhunderte zurück. Einer Legende zufolge soll der Name mit Fernán Yáñez Palomino zusammenhängen, einem Ritter aus der Zeit des kastilischen Königs Alfons X.

Eine zweite wichtige Sorte ist Pedro Ximénez. Sie wird vor allem in Montilla-Moriles bei Córdoba sowie in der Provinz Málaga angebaut.

Und dann gibt es die Tintilla de Rota.

Die rote Rebsorte besitzt eine lange Tradition an der Küste der Provinz Cádiz. Historische Hinweise auf ihren Anbau reichen mindestens bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück.

Wegen ihrer vergleichsweise geringen Erträge verlor sie später an Bedeutung. Heute wird sie von mehreren Weingütern wieder angebaut.

Ihre enge genetische Beziehung zu Graciano zeigt, wie komplex die Geschichte iberischer Rebsorten ist. Selbst Sorten, die über lange Zeit in verschiedenen Regionen unter eigenen Namen angebaut wurden, können auf nahezu identisches Ausgangsmaterial zurückgehen.


Der genetische Stammbaum im Sortiment von Biowein Iberia

Die Verwandtschaft zwischen portugiesischen und spanischen Rebsorten lässt sich auch bei einigen unserer Weine nachvollziehen.

Ein gutes Beispiel ist Monte da Casteleja an der Algarve.

Winzer Guillaume Leroux baut dort unter anderem Alfrocheiro an. Der Abeluiz 2021 wird zu 100 Prozent aus dieser roten Rebsorte gekeltert.

Im Meia Praia verbindet er Alfrocheiro mit Sousão.

Und im Orange Wine Curtimenta 2022 steckt Malvasia Fina, zusammen mit Perrum und Arinto.

Damit finden sich bei demselben Weingut Alfrocheiro und seine Tochter Malvasia Fina in unterschiedlichen Weinen.

Auch beim Weingut Barão & Borge im Alentejo taucht diese Rebfamilie auf.

Die Reserva 2021 enthält Alicante Bouschet, Castelão, Alfrocheiro und Tinta Barroca.

Im Maria dos Reis kommen dieselben Sorten zusammen, ergänzt durch Aragonez, also Tempranillo.

Der Barão & Borge Tinto 2021 verbindet Castelão mit Alicante Bouschet.

In Andalusien arbeitet Marcelino Serrano mit einer weiteren Sorte aus diesem größeren iberischen Zusammenhang.

Der Marcelino Serrano Joven aus Alcalá la Real in der Provinz Jaén besteht zu 100 Prozent aus Graciano. Genetisch steht diese Rebsorte der andalusischen Tintilla de Rota besonders nahe.

Die regionale Spezialität der Algarve findet sich wiederum bei Arvad.

Dort wird Negra Mole sowohl als Rotwein als auch als Rosé gekeltert.

Auf diese Weise begegnen uns in unserem Sortiment mehrere Rebsorten, deren Abstammung sich über Ländergrenzen hinweg verfolgen lässt. Alfrocheiro, Castelão und Malvasia Fina gehören sogar zu derselben genetischen Familie.


Welche Rolle spielt die Rebsortenvielfalt im Klimawandel?

Die Beschäftigung mit alten Rebsorten hat auch eine Bedeutung für die Zukunft des Weinbaus.

Rebsorten unterscheiden sich beispielsweise darin, wie früh sie austreiben, wann ihre Trauben reifen und wie sie auf Trockenheit oder hohe Temperaturen reagieren.

Eine internationale Forschungsgruppe untersuchte 2020, wie sich der Klimawandel auf die Eignung heutiger Weinbaugebiete auswirken könnte.

Die im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichte Studie betrachtete elf weltweit verbreitete Rebsorten, darunter Cabernet Sauvignon, Chardonnay, Merlot, Pinot Noir und Riesling.

Für ein Szenario mit zwei Grad Erwärmung berechneten die Forschenden, dass 56 Prozent der heutigen Weinbauregionen ihre klimatische Eignung für die bisher angebauten Sorten verlieren könnten.

Bei einem gezielten Wechsel zu anderen, besser angepassten Rebsorten sank der berechnete Anteil auf 24 Prozent.

Im Szenario mit vier Grad Erwärmung verringerte ein Sortenwechsel die erwarteten Verluste von 85 auf 58 Prozent.

Diese Ergebnisse beziehen sich ausdrücklich auf die elf untersuchten Rebsorten und die verwendeten Klimamodelle. Sie lassen sich nicht pauschal auf sämtliche alten oder autochthonen Sorten übertragen.

Die Untersuchung zeigt allerdings, warum die Erhaltung genetischer Vielfalt für den Weinbau relevant ist. Je besser die Eigenschaften unterschiedlicher Rebsorten bekannt sind, desto gezielter können passende Sorten für veränderte Anbaubedingungen ausgewählt werden.

In alten Weinbergen Portugals und Spaniens liegt ein Teil dieser Vielfalt bis heute. Manche Rebsorten werden weiterhin regelmäßig angebaut, andere überleben nur noch in kleinen Beständen oder wissenschaftlichen Sammlungen.

Welche Eigenschaften bisher wenig erforschte Sorten mitbringen, lässt sich erst durch entsprechende Untersuchungen und Anbauversuche beurteilen.


Häufige Fragen zu autochthonen Rebsorten

Was bedeutet autochthone Rebsorte?

Eine autochthone Rebsorte stammt ursprünglich aus einer bestimmten geografischen Region und wird dort traditionell angebaut. Häufig ist sie durch eine natürliche Kreuzung älterer Sorten entstanden. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet sinngemäß „aus der Erde selbst“.

Wie viele autochthone Rebsorten gibt es in Portugal?

Der portugiesische Rebengenetiker Antero Martins sprach 2022 von rund 250 portugiesischen Rebsorten. Die genaue Zahl kann sich mit neuen genetischen Untersuchungen und der Identifizierung bislang unbekannter Sorten verändern.

Welche Rebsorte ist an der Algarve autochthon?

Die regionale Weinbaukommission Comissão Vitivinícola do Algarve führt Negra Mole als autochthone Rebsorte der Algarve. Sie wurde traditionell unter anderem für Palhete und Clarete verwendet. Internationale Fachquellen ordnen ihre genetische Beziehung zu Negramoll und Tinta Negra teilweise unterschiedlich ein.

Ist Tempranillo eine autochthone Rebsorte?

Ja. Tempranillo stammt aus Spanien. Ihre Elternsorten sind Albillo Mayor und Benedicto. Genetische Untersuchungen legen eine Herkunft aus dem Gebiet des Ebro-Tals nahe. In Portugal wird Tempranillo unter anderem Aragonez und Tinta Roriz genannt.

Sind Weine aus autochthonen Rebsorten automatisch biologisch?

Nein. Die Herkunft einer Rebsorte bestimmt nicht, ob ein Wein biologisch erzeugt wurde. Dafür gelten eigene gesetzliche Anforderungen an Weinbau und Weinbereitung. Bioweine werden entsprechend gekennzeichnet.

Wie lässt sich die Herkunft einer Rebsorte nachweisen?

Die Bestimmung erfolgt anhand historischer Aufzeichnungen, der Ampelografie und genetischer Untersuchungen. DNA-Analysen können die Identität einer Rebsorte und häufig ihre Elternsorten nachweisen. Der genaue geografische Entstehungsort lässt sich daraus allein nicht immer bestimmen.

Sind portugiesische und spanische Rebsorten miteinander verwandt?

Ja. Bei zahlreichen Sorten wurden enge genetische Verbindungen nachgewiesen. Die portugiesische Malvasia Fina stammt beispielsweise von Hebén und Alfrocheiro ab. Castelão ist eine Kreuzung aus Alfrocheiro und Cayetana Blanca. Cayetana Blanca wiederum stammt von Hebén ab.


Dieser Artikel gehört zu unserer Wine & Basics Serie bei Biowein Iberia. Hier sammeln wir, was vor dem Öffnen der Flasche gut zu wissen ist. Klar und nützlich.


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